Direkt zum Inhalt
|
Recht & Steuern
Wohnungseigentumsrecht

Vertretung und Stimmrechtsausschluss in der Eigentümerversammlung

Bild
Modernes Mehrparteienhaus

Anfechtbar, aber nicht nichtig

Die Mitwirkungsrechte der Wohnungseigentümer sind zentral für die gemeinschaftliche Willensbildung. Doch nicht jeder fehlerhafte Beschluss ist auch nichtig, sondern bleibt unter Umständen wirksam, wenn er nicht fristgerecht angefochten wurde.

 

Mit einem solchen Beschluss beschäftigte sich das Amtsgericht Herne mit Urteil vom 11. November 2025 (28 C 3/25):

Die Klägerin war wenige Tage vor der Eigentümerversammlung im Rahmen einer Zwangsversteigerung Eigentümerin einer Wohnung geworden. Die Einladung zur Versammlung war noch an den Voreigentümer gerichtet. Die Klägerin nahm selbst nicht teil, sondern ließ sich durch ihren Ehemann vertreten, der gleichzeitig der Voreigentümer war. Trotz der vorgelegten Vollmacht wurde dieser jedoch von der Eigentümerversammlung ausgeschlossen.

In der Versammlung wurde unter anderem eine Anpassung der sich aus dem Wirtschaftsplan 2024 ergebenden Zahlungsverpflichtungen rückwirkend beschlossen. Die Klägerin focht den Beschluss an und rügte eine Verletzung ihrer Mitwirkungsrechte. Der Ausschluss ihres Vertreters stelle einen Eingriff in den Kernbereich der Mitgliedschaftsrechte dar. Das Amtsgericht Herne erklärte den Beschluss zwar für ungültig, verneinte jedoch zugleich dessen Nichtigkeit.

 

Vertretung und Stimmrecht in der Eigentümerversammlung
Die Eigentümerversammlung ist das Organ der gemeinschaftlichen Willensbildung. Das Stimmrecht kann nach § 25 Wohnungseigentumsgesetz (WEG) grundsätzlich auch durch einen Vertreter ausgeübt werden, wobei die Auswahl des Vertreters dem Eigentümer obliegt. Die Ausübung des Stimmrechts gehört zum unantastbaren Kernbereich der Mitgliedschaftsrechte eines Wohnungseigentümers und kann weder durch Beschluss noch durch Vereinbarung eingeschränkt oder entzogen werden.

Ein Stimmrechtsausschluss ist nur möglich, wenn über ein Rechtsgeschäft mit dem Eigentümer selbst, über einen Rechtsstreit gegen ihn beschlossen wird oder eine rechtskräftige Verurteilung vorliegt. Maßgeblich ist dabei allein die Person des Eigentümers. Liegen die Voraussetzungen des Stimmrechtsverbotes nicht vor, ist weder die Teilnahme noch die Vertretung ausgeschlossen. Da die Klägerin selbst keinem Stimmrechtsverbot unterlag, war der Ausschluss ihres Vertreters grundsätzlich rechtswidrig.

Anfechtbarkeit versus Nichtigkeit
Den Wohnungseigentümern ist eine weitgehende Gestaltung ihrer Gemeinschaft durch einvernehmliche Vereinbarungen und mehrheitliche Beschlussfassungsmöglichkeiten möglich. Aufgrund ihrer Mitwirkungspflichten sind sie zugleich gehalten, Beschlüsse fristgerecht zu überprüfen.

Die Gestaltungsfreiheit findet jedoch ihre Grenze dort, wo in den unantastbaren Kernbereich der Rechte von Wohnungseigentümern eingegriffen wird, sodass derartige Beschlüsse grundsätzlich als nichtig eingestuft werden und ihre Unwirksamkeit jederzeit gerichtlich geltend gemacht werden kann.

Bemerkenswert ist insofern, dass das Amtsgericht Herne den rechtswidrigen Ausschluss des Vertreters lediglich als formellen Fehler einstuft. Es stellt die Mitwirkungspflichten der Eigentümer und das Interesse an Rechtssicherheit in den Vordergrund und gelangt zu dem Ergebnis, dass der Beschluss nicht nichtig, sondern nur fristgebunden anfechtbar ist und der betroffene Eigentümer gehalten ist, seine Rechte innerhalb der Anfechtungsfrist aktiv geltend zu machen.

 

Rechtliche Konsequenzen für die Beschlusspraxis

„Das Urteil zeigt: Auch zunächst (formal) eindeutig fehlerhaft gefasste Beschlüsse können wirksam sein und bleiben, wenn sie nicht innerhalb eines Monats nach Beschlussfassung angefochten werden. Wird die Teilnahme oder eine Vertretung zu Unrecht verweigert, sollten betroffene Eigentümer ihre Rechte schnellstmöglich aktiv geltend machen.“

Verwandte Blogartikel

Glas wird an Wasserhahn mit Trinkwasser gefüllt
Recht & Steuern
Bauen & Wohnen

Trinkwasserleitungen aus Blei müssen entfernt und Verbraucher informiert werden. Die Frist für den Austausch endet am 12. Januar 2026.

Gedenkstein in einem Garten
Recht & Steuern
Wohnungseigentumsrecht

Die Frage, wie umfassend die Beschlusskompetenz der Gemeinschaft der Wohnungseigentümer ist, beschäftigt tagein tagaus Heerscharen von Juristen.

Bundestag in Berlin
Recht & Steuern
Politik & Wirtschaft

Die Pläne des Bundesfinanzministeriums, Abschreibungsoptimierungen für private Vermieter mit überzogenen Anforderungen an die Gutachternachweise...

Altes Abwasserrohr im Keller eines Hauses
Recht & Steuern
Bauen & Wohnen

Abwasserrohre gehören zu den am meisten beanspruchten Teilen eines Gebäudes – und doch schenken ihnen viele Eigentümer kaum Beachtung.

Frau macht Abrechnung und zahlt Geld in Sparschwein ein
Recht & Steuern
Wohnungseigentumsrecht

Der Bundesgerichtshof (BGH) hat mit seinem Urteil vom 14.11.2025, Az V ZR 190/24 endgültig entschieden, dass ein Wohnungseigentümer kein...

Außeninstallation Split-Klimagerät
Recht & Steuern
Wohnungseigentumsrecht
Modernes Mehrparteienhaus
Recht & Steuern

Wird beim Kauf einer Immobilie ein Gesamtkaufpreis für Haus und Grundstück gezahlt, muss ermittelt werden, welcher Anteil auf das Gebäude und welcher...

Mann mit Taschenrechner bei Abrechnung
Recht & Steuern
Wohnungseigentumsrecht

Pünktlich zum Jahresende ist es wieder so weit: In vielen Liegenschaften laufen Verwalterverträge aus und neue Verwalter übernehmen das Amt.

Winterdienst kehrt Schnee zur Seite
Recht & Steuern
Mietrecht
Bauen & Wohnen

Wer ist im Winter für die Räumung verantwortlich?

Straßenarbeiten
Recht & Steuern

Die Erforderlichkeit von Erschließungsmaßnahmen ist immer wieder Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen.

Weihnachtsdekoration
Recht & Steuern

In der Vorweihnachtszeit wird gerne dekoriert: Lichterketten am Balkon, blinkende Sterne im Fenster oder ein festlich geschmückter Garten – doch wo...

Modernes Mehrparteienhaus
Recht & Steuern
Wohnungseigentumsrecht

Nach § 47 des Wohnungseigentumsgesetzes (WEG) müssen Beschlüsse, die vor dem 1. Dezember 2020 – also vor der WEG-Reform – auf sogenannten nicht...

Umzugsunternehmen bei der Arbeit
Recht & Steuern
Mietrecht

Das Kündigen einer Wohnung durch den Vermieter ist in Deutschland mit vielen Hürden verbunden.

Mann mit Schneeschaufel räumt Weg
Recht & Steuern
Mietrecht

Zu Beginn der Winterzeit stellt sich die Frage, wie die rechtlichen Regelungen zum Winterdienst und zur Streupflicht lauten.

Techniker repariert Messgerät
Recht & Steuern
Wohnungseigentumsrecht

Mit Urteil vom 20. Januar 2025 hat das Oberlandesgericht (OLG) München entschieden, dass Verträge einer Gemeinschaft der Wohnungseigentümer (GdWE) mit...

 

Jetzt Haus & Grund-Mitglied werden

Sie suchen Rat zu Fragen rund um Ihre Immobilie? Wir sind für Sie da – ganz in Ihrer Nähe. Wir setzen uns engagiert, kompetent und individuell für das private Eigentum unserer Mitglieder ein.