Direkt zum Inhalt
|
Recht & Steuern
Mietrecht

Öffentliche Zustellung

Bild
Frau hält unbeschrifteten Briefumschlag vors Gesicht

Welche Nachforschungen sind zumutbar?

Die öffentliche Zustellung stellt im Zivilprozess ein Mittel letzter Wahl dar. Sie ist nur zulässig, wenn der Aufenthaltsort des Zustellungsempfängers unbekannt ist und alle zumutbaren Nachforschungen ohne Erfolg geblieben sind. Gerade im Mietrecht stellt diese Voraussetzung Vermieter häufig vor praktische Schwierigkeiten, insbesondere wenn Mieter nach einer Räumung ihren Aufenthaltsort wechseln, ohne eine neue Anschrift mitzuteilen.

Ein Beschluss des Landgerichts Schweinfurt verdeutlicht, dass die Anforderungen an die Nachforschungen des Vermieters nicht überspannt werden dürfen. Anlass der Entscheidung war ein Kostenfestsetzungsverfahren nach erfolgreicher Räumungsklage. Der Vermieter konnte einem der ehemaligen Mieter den Kostenfestsetzungsbeschluss nicht mehr zustellen, da dieser auch aus der Anschlusswohnung bereits ausgezogen war. Nach Auskunft des Einwohnermeldeamts war der Mieter dort weiterhin gemeldet. Ergänzend hatte der Vermieter das Klingel- und Briefkastenschild überprüft sowie Internetrecherchen durchgeführt. Da der Aufenthaltsort dennoch nicht feststellbar war, beantragte er die öffentliche Zustellung.

Das Erstgericht lehnte dies zunächst ab und forderte weitergehende Ermittlungen, etwa durch Kontaktaufnahme mit Nachbarn, Angehörigen oder sogar durch Einschaltung eines Privatdetektivs. Das Beschwerdegericht stellte jedoch klar, dass ein derart umfassendes Vorgehen nicht in jedem Fall verlangt werden kann. Maßgeblich sei, ob der Aufenthalt nicht nur dem Gericht, sondern auch der Allgemeinheit unbekannt sei und ob die Nachforschungen geeignet und zumutbar waren. Entscheidend stellte das Gericht auf die Umstände des Einzelfalls ab. Dabei kommt insbesondere der Qualität der Beziehung zwischen den Parteien Bedeutung zu. Besteht – wie häufig – kein besonderes Näheverhältnis zwischen Vermieter und Mieter, kann nicht erwartet werden, dass dem Vermieter weitergehende Informationsquellen zur Verfügung stehen. Dies gilt umso mehr für Vermieter, die eine größere Anzahl von Wohnungen verwalten und regelmäßig nur über die notwendigen Personalien verfügen. Das Landgericht betonte, dass Nachfragen bei Einwohnermeldeämtern, offensichtliche Prüfungen vor Ort und naheliegende Recherchen regelmäßig ausreichen können. Weitere Ermittlungen, deren Erfolg rein spekulativ ist oder die einen erheblichen zusätzlichen Aufwand erfordern, sind dem Vermieter nicht zwingend zuzumuten. Öffentliche Zustellung darf daher nicht an überspannte Anforderungen scheitern.


Für die Praxis bedeutet dies Rechtssicherheit: Vermieter – unabhängig davon, ob es sich um private oder gewerbliche Anbieter handelt – müssen keine unverhältnismäßigen Ermittlungen anstellen. Sie sollten jedoch dokumentieren, welche Nachforschungen sie vorgenommen haben und darlegen können, dass kein besonderes persönliches Näheverhältnis bestand. Unter diesen Voraussetzungen steht der öffentlichen Zustellung als letztem Mittel nichts entgegen.

Claudia Knöppel, Rechtsanwältin und Fachanwältin für Miet- und Wohnungseigentumsrecht
Claudia Knöppel, Rechtsanwältin, Fachanwältin für Miet- und Wohnungseigentumsrecht bei Haus & Grund Frankfurt am Main e.V.

 

 

Verwandte Blogartikel

Grillen im Sommer
Recht & Steuern
Mietrecht

Es bestehen keine gesetzlichen Normen für das Grillen. Das heißt, dass das Grillen grundsätzlich erlaubt ist, solange der Mietvertrag oder die...

Gewerblich genutzter Gebäudekomplex
Politik & Wirtschaft
Recht & Steuern

Mit einem Gutachten zur Restnutzungsdauer wird festgestellt, wie viele Jahre ein Gebäude noch wirtschaftlich betrieben werden kann.

Häuser stehen unter Wasser, überflutete Straßen
Bauen & Wohnen
Recht & Steuern

Für viele Menschen ist die eigene Immobilie der Fels in der Brandung. Doch was auf den ersten Blick stabil und unerschütterlich wirkt, kann schnell...

Garten mit Hecke vor blauem Himmel
Recht & Steuern

Ein Urteil des Bundesgerichtshofs bringt auch für Hessen mehr Klarheit bei Streit um Hecken und Sträucher in Hanglagen.

Fußballfans aus Deutschland
Recht & Steuern
Mietrecht

Die Fußball-Weltmeisterschaft verwandelt Balkone in Fanzonen, sorgt für Emotionen und Gemeinschaft – und regelmäßig auch für mietrechtliche Konflikte...

Instandhaltungsmaßnahmen an Immobilie mit Gerüst an Fassade
Recht & Steuern
Wohnungseigentumsrecht
Bauen & Wohnen

Müssen vor jeder Erhaltungsmaßnahme mehrere Vergleichsangebote eingeholt werden? Bei vielen Hausverwaltungen galt dies lange als feste Regel.

Moderne Mehrfamilienhäuser mit Balkonen
Recht & Steuern
Wohnungseigentumsrecht

Die Hausgeldvorschüsse werden mit dem Beschluss über den Wirtschaftsplan fällig gestellt. Sie sollen und müssen der Gemeinschaft der...

Altbauten saniert und unsaniert nebeneinander
Recht & Steuern
Bauen & Wohnen

Sind Aufwendungen für eine Sanierungsmaßnahme sofort als Werbungskosten abziehbar oder über die gesamte Nutzungsdauer der Immobilie abzuschreiben?

Multimedia-Anschlussdose wird repariert
Recht & Steuern
Mietrecht

Ein tropfender Wasserhahn, eine defekte Steckdose oder ein klemmender Türgriff – wer muss dafür eigentlich aufkommen?

Energetische Sanierung eines Mehrfamilienhauses mit Baugerüst
Recht & Steuern
Wohnungseigentumsrecht

Energetische Modernisierungen, Brandschutz, Schadstoffsanierung oder die Erneuerung technischer Anlagen können erhebliche Kosten verursachen.

Makler und Interessenten bei der Wohnungsbesichtigung
Recht & Steuern
Mietrecht

Ein vom Vermieter eingeschalteter Makler unterliegt selbst dem Benachteiligungsverbot des Allgemeinen Gleichstellungsgesetzes und haftet bei...

Modernes Mehrfamilienhaus
Recht & Steuern
Politik & Wirtschaft

Die optimale Gestaltung der Abschreibung ist für vermietende Privatpersonen wirtschaftlich von besonderer Bedeutung.

Kinderwagen in Treppenhaus
Recht & Steuern
Mietrecht

Das Treppenhaus und der Hauseingang sind zentrale Bereiche eines Mehrfamilienhauses und geben immer wieder Anlass zu Diskussionen über Rechte und...

Immobilienmakler  und junges Paar vor Einfamilienhaus, Hauskauf
Recht & Steuern

Die Immobilienpreise ziehen vielerorts wieder an – und damit auch die Kaufnebenkosten, allen voran die Grunderwerbsteuer.

Arztpraxis in Altbauwohnung
Recht & Steuern
Mietrecht
Wohnungseigentumsrecht

Gerade in innerstädtischen Lagen fragen Vermieter immer häufiger: Darf eine Wohnung in einem Mietshaus als Arztpraxis oder für eine andere...

 

Jetzt Haus & Grund-Mitglied werden

Sie suchen Rat zu Fragen rund um Ihre Immobilie? Wir sind für Sie da – ganz in Ihrer Nähe. Wir setzen uns engagiert, kompetent und individuell für das private Eigentum unserer Mitglieder ein.