„Unsere 15 Minuten werden mir fehlen“
Ein Nachruf auf ein besonderes Mitglied.
15 Minuten. Auf diese Zeitspanne sind unsere Rechtsberatungen mit Mitgliedern angesetzt. In fast allen Fällen ist dies auch vollkommen ausreichend, um den Sachverhalt zu erörtern und dem Mitglied eine Beraung zukommen zu lassen. Für persönliches ist hierbei in der Regel kaum Platz, indes handelt es sich jedoch auch um eine Rechtsberatung und nicht um ein Gespräch auf privater Ebene. Mitunter tauscht man sich jedoch, wenn auch in der gebotenen Kürze und Distanz, kurz mit persönlichen Worten aus und lernt sich hierbei gegenseitig zu schätzen. Und dies war für mich bei Herrn Dr. J. der Fall.
Soweit ich es zurückverfolgen kann, ist Herr Dr. L. im Jahr 2020 das erste Mal an mich als Rechtsberater seines Ortsvereins herangetreten. Er hatte zu Fragen zu seinen vermieteten Praxisräumen, welche er nach Aufgabe seiner Tätigkeit als Arzt vermietet hatte. Herr Dr. L.war nicht nur stets sehr gut auf unsere Termine vorbereitet, sondern formulierte sein Anliegen auch immer ebenso höflich wie zielführend. Bei einem dieser Telefonate tauschten wir uns am Rande in aller Kürze persönlich über unsere Berufsstände und „das Leben an sich“ aus und ich war beeindruckt von der Freundlichkeit und Eloquenz dieses Herren im vorangeschrittenen Alter, der im Geiste stets jung geblieben zu sein schien. Im Laufe der Jahre kam es immer wieder zu Kontakt mit Herrn Dr. L., der (so darf ich annehmen) meinen Rechtsrat in den für ihn wichtigen Angelegenheiten sehr zu schätzen wusste. Und jederzeit hatten wir, zumindest zum Abschluss, kurz Gelegenheit für ein nettes Wort oder auch eine höflich amüsante Bemerkung, was die Gespräche (für mich sowie ich annehme darf auch für ihn) immer äußerst angenehm gestalteten.
Vor einiger Zeit (genau genommen vor einigen Jahren bereits) teilte mir Herr Dr. L. in einem unserer Telefonate mit, dass er schwer erkrankt sei. Die Lunge. Ohne gute Erfolgsaussichten. Die Ärzte hatten ihm noch „ein halbes Jahr“ gegeben. Natürlich bedrückte mich diese Nachricht. Indes jedoch konnten er und ich über dieses Thema sehr offen und anteilig auch mit einer Prise augenzwinkerndem Sarkasmus kommunizieren. Ich machte es mir daraufhin zur Aufgabe, Herrn Dr. L. halbjährlich anzurufen, um mich nach seinem Gesundheitszustand zu erkundigen. Da er hierbei eigentlich auch immer (zumindest mehr oder weniger) einen Rechtsrat benötigte, passte dies natürlich um so besser. Als ich ihn das erste Mal anrief, ohne dass er, wie üblich, von sich aus zuvor einen Telefontermin vereinbart hatte, bemerkte ich ein wenig Verwunderung, aber dann ein wenig Freude über den Kontakt, den ich daraufhin (recht eigensinnig) stetig zu ihm hielt. Ich mochte die, zumeist kurzen, aber immer von gegenseitiger Sympathie geprägten Gespräche mit ihm sehr. Und nachdem das halbe Jahr längst um war und ich ihm dazu gratulierte, dass er „dem Tod jetzt mehrfach von der Schippe“ gesprungen war, hegte ich insgeheim die Hoffnung, dass diesem angenehmen Menschen noch ein wenig mehr Zeit vergönnt sein würde.
Über die Monate konnte ich jedoch im Rahmen unserer Gespräche am Telefon hörbar vernehmen, dass es Hern Dr. L. zusehends schlechter ging, was er mir gegenüber leider auch bestätigte. Das Atmen fiel immer schwerer, auch die Konzentrationsfähigkeit ließ nach, so gab er zu verstehen. Und dennoch war er mir gegenüber immer zu einem kurzen, jederzeit netten und auch im Rahmen des Möglichen amüsanten Austausch aufgeschlossen.
Mehr durch Zufall erfuhr ich, dass Herr Dr. L. im Juni dieses Jahres seinen 80. Geburtstag feierte. Hierzu gratulierte ich ihm (ich darf ehrlich sagen von Herzen) auf schriftlichem Wege und wünschte ihm bei dieser Gelegenheit noch „ein wenig mehr der glücklichen Zeit“ mit seinen Liebsten.
Doch dies war ihm leider nicht mehr vergönnt. In dieser Woche erreichte mich die Trauerkarte seiner Familie mit der Nachricht, dass Herr Dr. L. in der vergangenen Woche verstorben ist. Ich bin seiner Familie sehr dankbar für diese Aufmerksamkeit, wenngleich mich deren Inhalt natürlich sehr betrübt und kurz innegehalten lassen hat. In der Trauerkarte wird (neben weiteren persönlichen Eigenschaften, die selbstverständlich der Familie vorbehalten bleiben sollen) die Lebensfreunde und der Scharfsinn von Herrn Dr. L. hervorgehoben. Und ich kann dies von meiner Seite aus, wenn ich mir dies anmaßen darf, nur bestätigen.
Mein lieber Herr Dr. L., ich werde Sie als sehr gebildeten, stets aufgeschlossenen und ebenso äußerst sympathischen Menschen in Erinnerung behalten. Sehr gerne werde ich gelegentlichan unseren Austausch, gerade über das berufliche Maß hinaus, zurückdenken. Für mich waren und sind Sie ein Vorbild dafür, wie man im Alter mit wachem und interessiertem Blick und selbst bei angemessener Distanz mit einem gewissen Maß an Zuneigung für andere, fast Unbekannte, durch das Leben gehen kann. Und dies, so darf ich annehmen, bis zu Ihremletzten Tag.
Unsere Gespräche werden mir sehr fehlen.
André Wilm
Rechtsanwalt