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Nevoigtstraße 22

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Nevoigtstraße 22

Zur Geschichte des Hauses Nevoigtstraße 22 in Chemnitz-Siegmar

aufgeschrieben von Roswitha Zschille, geb. Frotscher

Das dreigeschossige Haus Nevoigtstraße 22 in Chemnitz-Siegmar, als „Landhaus“ erbaut 1910/11, wurde von unserer Familie 1917 erworben und 1927 erweitert.

Es kann erzählen:

Glückliche, arbeitsreiche Jahre unserer damals fünfköpfigen Familie und der Bewohner in den drei Etagen des Hauses; im Anbau von 1927 befand sich die Niederlassung des Geschäftes der Großeltern (Tabak- und Schokoladengroßhandel) und in unmittelbarer Nachbarschaft pilgerten die Chemnitzer in das beliebte Ausflugsziel „Pelzmühle“.

Dann der 2. Weltkrieg: Fliegeralarm in den 1940igerJahren! Ein Teil unseres Kellers wurde als Luftschutzraum umgebaut mit dicken Balken an den Decken und Bewehrungen vor den Fenstern. Ein großes „LSR“ an der Außenwand zeigte den Nachbarn, wo sie Schutz suchen konnten, wenn die Sirenen heulten. Starke Steigeisen an einem der Fenster als Notausgang sind noch heute vorhanden. Ich kann mich, obwohl damals noch ein kleines Kind, genau an die dann so bedrückende Atmosphäre im Keller während der Bombenangriffe erinnern. In Siegmar gab es Bombenopfer als der Gasthof getroffen wurde, die Wandererwerke wurden zerstört, aber unsere Straße blieb verschont.

Nun die schweren Nachkriegsjahre: Hamsterfahrten in überfüllten Zügen…, im Garten wurde jedes Fleckchen umgegraben, um Gemüse u.ä. anbauen zu können. Unser Vater teilte jetzt jeder Familie im Haus etwas Land zum Bewirtschaften zu.

Von Januar 1945 bis 1947 fanden Umsiedler aus Schlesien ein Unterkommen bei uns. Zusätzliche 8 Personen fanden hier Platz, da wurde auch die kleinste Kammer gebraucht. Unsere Großmutter, deren Haus in der Chemnitzer Innenstadt ausgebrannt war, lebte nun auch hier.

1947 wurden Villenviertel in Siegmar und Reichenbrand von der SDAG Wismut beschlagnahmt, um sowjetischen Offiziersfamilien angemessenen Wohnraum zu bieten. (Die Sowjetunion war nach dem Zweiten Weltkrieg Besatzungsmacht im Osten Deutschlands und die Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft Wismut, die nun hier quasi als Staat im Staate „regierte“ diente zur Organisierung und zum Verwalten der Ausbeutung der Uranvorkommen im Westerzgebirge und in Südthüringen).

Ein hoher, grün gestrichener Bretterzaun schirmte nun unsere Wohnviertel ab. Viele Umsiedler waren derweil in den Westen Deutschlands weitergezogen. Hausbesitzer und Mieter mussten nun ihre Wohnungen verlassen und sich mit zugewiesenem Wohnraum begnügen, der im zerbombten Chemnitz rar war. Neun Jahre dauerte die Besetzung unserer Häuser, bis die Wismut-AG die Gebäude einigermaßen renoviert 1956 an die Besitzer zurückgab.

In der sozialistischen DDR hieß es nun für die „kapitalistischen“ Hausbesitzer unter persönlichen Entbehrungen und mit kräftezehrendem Aufwand die eigene Immobilie zu erhalten. Die Miete für z.B. 80m² Wohnraum im damals guten Standard betrug monatlich 60,00 Mark der DDR, wobei der Wasserverbrauch und allgemeine Betriebskosten, Versicherungen u. ä. vom Vermieter zu zahlen waren, so dass unser Vater erwogen hatte, das ererbte, eigene Haus der Stadt zu schenken, denn die Erhaltungs- und Betriebskosten konnten kaum aufgebracht werden. Hinzu kamen der Mangel an Material und die schwierige Verfügbarkeit der Handwerker.

Erst nach 1989/90 konnten wir mit hohem finanziellen Aufwand - unter marktwirtschaftlichen Verhältnissen – wichtige Erhaltungs- und Modernisierungsvorhaben realisieren (Heizung, Fassade, Dach, Wärmedämmung, Sanierung Hof und Einfahrt…).

Über all die Jahre seit den Neunzigern bauten wir auf die kompetente Beratung unserer Eigentümergemeinschaft Haus & Grund, deren Mitarbeitende uns bei Finanzierungsfragen, Mietrechts, -Instandhaltungs- und Modernisierungsfragen mit Rat und Tat zur Seite standen.

Wir bedanken uns und zählen weiterhin auf Rat und Unterstützung! Mit unserem (über hundertjährigen) „Mehrgenerationenhaus“ am Tierpark im Westen von Chemnitz wollen wir auch weiterhin bezahlbaren Wohnraum anbieten.

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