Mozartstraße 16
Mozartstraße 16
Etwas aus der Geschichte des Hauses Mozartstraße 16
Anfang des 20. Jahrhunderts war die Stadt Chemnitz infolge des wirtschaftlichen Aufschwunges als Folge des gewonnenen Krieges 1871 und der Gründung des 2. Deutschen Reiches derart gewachsen, dass es sinnvoll war, den Wohnungsbedarf mit einem Miethaus zu entlasten.
Das war möglich, wenn ein gewisses Anfangskapital vorhanden war. Mein Großvater der Bezirksschullehrer Paul Reimann war bei den damaligen Gehältern finanziell nicht in der Lage, ein solches Haus zu bauen. Aber meine Großmutter, als jüngstes Kind, bekam eine kleine Mitgift, als sie heiratete. Die Urgroßeltern waren Bauern, die fleißig und sparsam waren. Ferienreisen und dergleichen kannten sie nicht. Die Mitgift bestand nicht einmal aus barem Geld, sondern war als Darlehen auf dem Bauerngut, welches Großmutters Bruder bewirtschaftete.
Dieses Darlehen und weitere Kredite bei dem Baumeister und dem Grundeigentümer dieser Flurstücke, Herr Fritz Esche, waren die Grundlage zum Bau des Hauses.
Die Preise für das Baumaterial und die Löhne sind nicht mit den heutigen vergleichbar.
Das Anbringen der Gas-Treppenhaus-Beleuchtung, dauerte 4,5 Stunden. Die Arbeitsstunde verrechnete die Beleuchtungskörperfirma mit 75 Pfennigen! Ein Ei kostete damals 2 und ein Brief außerhalb der Stadt 10 Pfennige. Ein Ein-Meter langer Doppel-T-Träger kostete nur 40 Reichspfennige. Man kann sehen, dass damals die Baupreise noch recht niedrig zu den heutigen lagen.
Etwas über die Bauzeit
Der Bauvertrag wurde am 10. September 1906 zwischen meinem Großvater, Herrn Paul Richard Reimann, dem jüngsten Bruder des Emil Reimann, Gründer der „Sächsischen Brotfabrik UNION, und dem Baumeister Herrn Robert Max Winkler abgeschlossen. Bereits Ende Oktober 1906 war das Schieferdach gedeckt. Im Winter 1906/1907 wurde das ganze Haus mit Koksöfen trockengeheizt. Die Malerarbeiten sind bis 15. Mai 1907 laut Vertrag fertigzustellen gewesen. Dabei war ein Jahr für die Garantie vorgesehen und nur „beste Farben und Lacke“ waren zu verwenden.
Eine kleine Episode zeigt. Wie klug und weitsichtig Anfang des 20. Jahrhunderts auch alte Bauersfrauen sein konnten. Der Baumeister wollte nur Trockenklosetts einbauen. Da hat die Schwiegermutter ihrem Schwiegersohn aber tüchtig ins Gebet genommen und gesagt: Aber Paul, du wirst doch Anfang des 20. Jahrhunderts keine Trockenklos einbauen. So sind wenigstens damals auf den Halbetagen WC eingebaut worden.
Bereits Ende Juni 1907 ist der erste Mieter eingezogen.
Wie die Ameisen müssen die Bauarbeiter, Maler, Klempner Dachdecker und andere Gewerbe auf der Baustelle gewesen sein. Zu dieser Zeit war die Technik noch nicht so weit wie heute. Es wurde in der ganzen Stadt gebaut!
Etwas über den Stil und die Gestaltung des Hauses
Das Haus wurde entsprechend der damaligen Zeit im Jugendstil errichtet. Das geht allein aus den plastischen Details, die mit den Engelsköpfen hervor, die über dem Erker angebracht sind. Weiter ist die Gestaltung über der ersten Etage mit dem Symbol der Weisheit, einer Eule, dem Mädchenkopf über dem Eingang des Hauses ein Beweis einer großzügigen bürgerlichen Architektur Anfang des vorigen Jahrhunderts zuzuordnen. Weiterhin möchte ich auf den Architrav über den Fenstern des 4. Obergeschosses hinweisen, sowie die zwei Reliefs in der Halle des Hauseinganges.
Alles hat eine Bedeutung, was an Plastik und Reliefs angebracht worden ist. So soll die Eule, Sinnbild der Weisheit auf den Beruf des Hauseigentümers hinweisen. Ähnliche Bedeutung hat auch das Relief in der Halle des Hauseinganges auf der rechten Seite, wenn man das Haus betritt. Es zeigt uns einen Mann, der sich auf einen Stapel Bücher stützt und Kinder lehrt. Gegenüber ist als Sinnbild der damaligen Häuslichkeit ebenso in einem ovalen Relief angebracht. Es zeigt eine junge Mutter mit einer Spindel in der Hand und im anderen Arm ein kleines Kind, welches in seiner rechten Hand eine Puppe hält. Beide Reliefs werden oben in der Mitte mit einem Bienenkorb gekrönt, der den Fleiß als Tugend darstellen soll.
Der Leitspruch meiner Großeltern, den man beim Eintritt ins Haus lesen kann:
„Freude ist da, wo Arbeit, Ordnung und Treue Wohnet“
und den man beim Ausgang lesen kann:
„Gott befohlen“
Seit 1980 ist das Haus zum Kulturdenkmal erklärt worden! Gesamtgebäude mit allen architektonischen Details; insbesondere Jugendstilfassade mit dem über dem Erker befindlichen Ziergiebel der Haustürvorhalle, den Flachreliefs und Dekorationen im Treppenhaus, sämtliche Innentüren, Stuckdecken und zwei noch völlig erhaltene Jugendstil-Kachelöfen.
Zwischenzeitlich sind Renovierungen vorgenommen worden. Die erste größere konnte dann endlich zur Wendezeit erfolgen. Noch vor der lang ersehnten Wende 1989 habe ich fast 10 Jahre lang um sogenannte Baukapazität bei den damaligen Stadtbehörden nachgesucht. Im Jahre 1989 war es dann endlich so weit. Ich bekam Baukapazität! Das Gerüst für die Vorderseite des Hauses wurde noch im August 1989 gestellt und blieb bis zum Frühjahr 1990 stehen, weil in der Herbstzeit die Arbeiter der Baufirma über die Botschaft in Prag ausgereist waren. Erst nach der Wende kamen einige wieder, so dass der Baumeister mit den Arbeiten anfangen konnte.
Eine weitere Renovierung und Sanierung wurden erst kürzlich im Jahre 2023 durchgeführt. Das Dach ist völlig neu eingedeckt worden mit neuer Dachschalung und endlich wieder mit Schiefer. Viele andere Schäden wurden dabei entdeckt, die sogleich mit beseitigt werden konnten. Die denkmalgerechte Sanierung und Reparatur kosteten ein Vielfaches der Kosten beim Neubau 1906/1907.
Nicht unerwähnt soll bleiben, dass die Denkmalbehörde der Stadt Chemnitz und der Freistaat Sachsen einen Zuschuss für das Vorhaben gegeben haben.
Günter Raschke, 94 Jahre alt, Mitglied von Haus & Grund Chemnitz e. V. seit 1990